Aktuelles &Neuigkeiten

Das Jesus-Quintett

geschrieben am 28. Juli 2018

Dieser Jesus ist anders als damals: Ein Mensch, der vor Zorn brüllt und vor Angst weint, kein Heiliger, keine andächtig-entrückte Hoheit. In den 85 Jahren Fränkische Passionsspiele haben sieben Männer aus Sömmersdorf (Lkr. Schweinfurt) die Figur unterschiedlich dargestellt. Fünf von ihnen leben noch und spielen in dieser Saison bis 19. August auf der größten Freilichtbühne Nordbayerns mit.

Die Seiten gewechselt hat allerdings der älteste von ihnen, Karlheinz Grünewald. Jetzt mimt der 64jährige nicht mehr den Erlöser wie zwischen 1978 und 2003, sondern einen, der Verderben bringt: Ammon, ein Mitglied des Hohen Rats, der den Nazarener sterben sehen will. Dem Laienspieler selbst waren der Tod auf der Bühne und der vorherige Leidensweg zu anstrengend geworden.

„Ich habe mit 49 Jahren noch den Jesus gespielt, das war physisch die Grenze“, denkt der Elektromeister an die Kreuzigung, bei der er 20 Minuten auf einer kleinen Plattform stehend mit ausgebreiteten Armen ausharren musste. Oder an die Geißelung: „Das war schlimm, damals war ich mit hochgestreckten Armen an einen Pfosten gebunden und wenn der Soldat am Strick gezogen hat, bin ich runtergefallen“.

Auch heute bedeutet diese Szene eine Strapaze für die Jesus-Darsteller Stefan Huppmann und Tobias Selzam, auch wenn sie jetzt zwischen zwei Pfosten hängen und noch 40 beziehungsweise 39 Jahre jung sind. Anstrengend ist und war auch der Kreuzweg, bei dem der Christus-Spieler das 25 Kilo schwere Holzkreuz über die Bühne schleppt und hinfällt. Schmerzen und blaue Flecken gehören dazu.

Von Natur aus ist Grünewald ein ruhiger, zurückhaltender Typ, „eher ein sanfter Jesus“, sagt er von sich. Seit diese Hauptrolle doppelt besetzt wird, seit 1978, spielen meist zwei gegensätzliche Charaktere diese Figur, sinniert er. Jedenfalls war sein Wechselspieler in den Jahren 1988, 1993 und 1998, Dieter Müller, eher der starke, selbstbewusste Anführer, der Revoluzzer: feste Stimme, schwarze Haare, schwarzer Bart.

„Laut und deutlich“ sei damals seine Sprache gewesen, erinnert sich der 52jährige an ein mikrofonloses Schauspiel. Heute dagegen schluchzen, flüstern und weinen die beiden Hauptdarsteller auf sehr menschliche Weise, beispielsweise in der Verzweiflung der Ölbergszene. So wie jeder Mensch reagieren würde und so wie das Regie-Duo Marion Beyer und Hermann Vief die Emotionen sehen will.

Im Typ sind der Berufschullehrer Tobias Selzam und der gelernte Schreiner Stefan Huppmann ebenfalls ein Gegensatz-Paar, „wie Erde und Feuer“, meint Selzam. Während Stefan „geerdet und fest wie ein Baum“ als Jesus stehe, sei er eher beweglicher, unstet, „vielleicht auch sanfter“.

Allerdings nicht so welt-entrückt wie sein Urgroßvater Josef Nuss: Der mimte 1933 und 1934 in den ersten Sömmersdorfer Passionsspielen vor dem Verbot durch die Nationalsozialisten den Jesus. „Dem Christusdarsteller ist die mit Sanftmut gepaarte Hoheit seines Vorbildes zur zweiten Natur geworden“, schrieb damals der Bayerische Staatsanzeiger.

Nach der Wiederaufnahme des Theaterstücks 1957 schlüpfte Josefs Sohn Rudi Nuss bis 1983 in die Rolle. Er und sein Vater Josef sind inzwischen gestorben. Für Rudi Nuss‘ Auferstehung hatte sich Regisseur Guido Halbig, der bereits vor dem Krieg das Drama inszeniert hatte, etwas Spektakuläres ausgedacht: Eine Feuersäule.

Vor dem Grab‚ damals nur ein Vorhang auf einer Bretterbühne, harrten vier Wächter am Lagerfeuer aus. Ein Rohr führte am Boden hinter den Vorhang, wo Jesus auf seine Auferstehung wartete. Von dort aus wurde Magnesium durch das Rohr ins Lagerfeuer geblasen, es gab eine Stichflamme, die Wächter fielen um, der Vorhang öffnete sich und Jesus stand da: im knappen, weißen Gewand, eine Siegesfahne in der Hand.

Nach einer Vorstellung 1978 kritisierte aber ein Pfarrer diese Auferstehung, denn mit Feuer komme nur der Satan. Von da an gab es einen Styroporfelsen, der beim Antippen umfiel und den Blick auf den Auferstandenen frei gab. Dazu kam vom Band das „Halleluja“ von Händel.

„Das muss man aus der Zeit heraus verstehen“, erklärt Grünewald, aus der damaligen Vorstellungswelt und der stärker verbreiteten Religiosität. Die Zuschauer, damals immerhin 20000 in jeder Spielsaison, waren jedenfalls angetan. Heute lassen sich 35000 begeistern.

Ganz anders und ziemlich bunt waren früher auch die Kostüme gehalten: Jesus trug ein weißes Gewand mit weinroter Scherpe, „elegant und akkurat“, erinnert sich Dieter Müller. Gegenüber der heutigen hellen Tunika eine edle Kleidung.

Dem früheren Jesus-Spieler, der jetzt ebenfalls im Hohen Rat als Schreiber Natanael auftritt, ist jene Szene in Erinnerung geblieben, als er 1998 am Kreuz hängend von einer Bremse in die linke Brust gestochen wurde. Als eigentlich schon toter Christus zuckte er unwillkürlich und versuchte noch, das Insekt wegzublasen, aber die Fliege stach ein zweites Mal schmerzhaft zu.

Durch das reflexartige Zucken riss die rechte Handmanschette, mit der der Arm am Kreuz aufgehängt ist. Mit drei Finger hielt sich Müller krampfhaft am Querbalken fest, überstand die Zeit und konnte spielkonform vom Kreuz abgenommen werden.

Mit jedem Regisseurwechsel gab es Veränderungen: Text, Sprache, Kostüme, Kulissen, neue Szenen. Mit 14 Aufzügen in vier Stunden begann 1933 das Passionsspiel, heute hat es 20 Szenen plus Prolog und Epilog in drei Stunden.

„Das Abendmahl war damals noch nach dem Vorbild des Da Vinci-Gemäldes“, denkt Volker Rückert an eine eher statische Szene seiner beiden Jesus-Jahre 2003 und 2008. „Früher war der Jesus mehr eine andächtige Heiligenfigur, jetzt ist er eher der Kumpel“.

Bewegung, Gestik, Aussprache veränderten sich, locker und emotionaler agiere er jetzt. Das heutige Abendmahl wird nicht mehr im Bühnenhaus gefeiert, sondern im Freien unter einem Zeltdach. Und die Auferstehung wird der Phantasie des Zuschauers überlassen: In der Gärtner-Szene begegnet Jesus der Jüngerin Maria Magdalena.

Für den Maschinenschlosser Rückert war es „schon eine Ehre, den Jesus spielen zu dürfen“, bekennt der leidenschaftliche Theaterspieler. Gläubiger sei er dadurch zwar nicht geworden, lächelt er. Aber besondere Momente habe es immer gegeben, eine Ergriffenheit etwa am Ende des Stücks. Oder als 2003 seine Tochter am Morgen geboren wurde, „und abends hing ich wieder am Kreuz“. Heuer zieht Rückert als Petrus mit Jesus durchs Land.

Der wird zum dritten Mal von seinem Sandkastenfreund Stefan Huppmann dargestellt. „Die Apostel sind jetzt lauter Jüngere“, erzählt dieser. „Wir haben eine tolle Stimmung in der Truppe“. Was das Ganze noch runder mache, noch „cooler“. Wie übrigens alle hinter der Bühne freundlich seien. „Das ist eigentlich das Besondere hier“.

Wenn sein Wechselspieler Tobias Selzam ihn als „geerdet“ bezeichnet, als unerschütterlich, dann charakterisiert er diesen als jemanden, der leichter Gefühle transportieren könne. „Jeder macht es anders, wir kopieren hier nicht“.

 

Text: Silvia Eidel, freie Journalistin

 

 


Maria, ihr Mann Pilatus und Satan, der Sohn

geschrieben am 12. Juli 2018

Fünf Jesus-Söhne hat Susanne Mergenthal als Maria in 30 Jahren schon beweint. Auch mit dem Rest ihrer Familie ist es nicht so einfach: Der Mann agiert als Jesus-Verurteiler Pilatus, der „echte“ Sohn als Satan, der Schwiegersohn zieht als Apostel mit dem Nazarener durchs Land und die zwei Töchter nebst Enkelin spielen im jüdischen Volk mit. Eine Sömmersdorfer Familie, die sich wie viele andere für die Fränkischen Passionsspiele engagiert.

Zum siebten Mal steht Susanne Mergenthal in diesem Sommer als Mutter Jesu auf der Freilichtbühne. „Ich hab‘ die Maria zum ersten Mal mit 27 Jahren gespielt“, erinnert sie sich an 1988, ein Jahr nach ihrer Heirat mit Dieter Mergenthal und ihren Umzug ins Passionsspieldorf. „Ich war sogar jünger als die beiden Jesus-Spieler“, lacht sie. „Die Falten haben sie mir damals noch geschminkt, heute sind sie echt“, schmunzelt die 57jährige.

Damals wie heute bestimmten die professionellen Regisseure, wer von den Sömmersdorfer Laien welche Rolle bekommt. Und wie die Kostüme aussehen. „Früher hatte ich so eine Art ‘Lourdes‘-Kostüm, mit weißem Gewand und blauem Tuch“, erinnert sich Susanne Mergenthal. 2008 ähnelte ihre Bühnen-Kleidung dann einer Nonnentracht.

„Der große Umbruch kam 2013 mit unseren heutigen Regisseuren“, verweist sie auf Hermann J. Vief und Marion Beyer, die in diesem Jahr ihre zweiten Passionsspiele in Sömmersdorf inszenierten. Als Maria trägt sie jetzt ein schlichtes graues Gewand mit hellgrauem Kopftuch. „Maria war eine Frau aus dem Volk, die ihre Arbeit erledigt, die sich um ihre Familie kümmert. Warum sollte sie ein Madonnengewand tragen?“, erklärt Susanne Mergenthal ihre Rolle, die sie sich mit der zweiten Darstellerin Susanne Brembs teilt.

Verändert hat sich auch der Anspruch der Regie, so authentisch wie möglich die Gefühle dieser Mutter wiederzugeben. „Das soll nicht gespielt sein, die Emotionen sollen echt sein“, erklärt die Laien-Spielerin. „Ich stelle mir vor, dass dieser Jesus mein Sohn ist, mein eigenes Kind“. Weil sie noch dazu von Natur aus ein emotionaler Mensch sei und ihre Gefühle nach außen trage, könne sie auch über den Tod Jesu wirklich weinen. Die Zuschauer erleben ihre Trauer mit, fühlen ihr nach und lassen sich ebenfalls berühren.

Als zwar machtbewusster, aber durchaus zweifelnder römischer Statthalter Pontius Pilatus steht Susannes Mann Dieter Mergenthal auf der Bühne, immer im Wechsel mit Vereinsvorsitzendem Robert König. Der gebürtige Sömmersdorfer Mergenthal führt selbstverständlich die Familientradition fort, auch seine Eltern spielten die Passion schon mit. So wie „Opa Hugo“ war auch Dieter Mergenthal früher im Hohen Rat dabei.

Neben seinem Beruf als Bilanzbuchhalter engagiert sich der 56jährige im Vorstand des Vereins Fränkische Passionsspiele Sömmersdorf, ab 1978 als damaliger Jugendvertreter, seit 2002 als Kassier. „Gerade in diesem Jahr war wegen der Bauarbeiten unheimlich viel zu tun“, sagt er. Das bedeutete für alle Verantwortlichen viele Vorstandssitzungen, viele Entscheidungen und für den Kassier viel Arbeit im Büro.

Sohn Marius verkörpert als Satan im schwarzen, enganliegenden Kostüm und mit diabolischem Blick das personifizierte Böse. Schon als Vierjähriger durfte er 1998 beim Passionsspiel auf die Bühne: als eines der spielenden Kinder. Mit neun durfte er dann das Holzschwert schwingen, mit 13 blies der junge Trompetenspieler live die Fanfare beim Auftritt des Pilatus. 2013 folgte er Jesus als Jünger Johannes, bevor der 24jährige Wirtschaftsinformatiker heuer als Satan beeindruckt.

Auch seine Schwestern waren von klein auf dabei. Die älteste, die 28jährige Lena, brachte nach ihrer Hochzeit ihren Mann Simon Kübler mit nach Sömmersdorf und mit zum Passionsspiel. Er begleitet heuer Jesus als Apostel Matthäus und hat sich natürlich einen Bart stehen lassen. Mit der kleinen Tochter Rosa spielt Lena ebenso im Volk mit wie ihre jüngere Schwester Anna.

Die 26jährige Sonderpädagogin wohnt zwar mittlerweile in Gochsheim, darf aber als gebürtige Sömmersdorferin mitmachen, diesmal im Volk, früher als Herodesdame und ganz früher als strickendes Mädchen bei den „spielenden Kindern“.

Die ganze Familie schätzt das Zusammensein während der Spielsaison. „Man trifft da auch die Leute, die man nicht mehr so oft sieht“, meint Anna. „Oder neu Hinzugezogene, die Anschluss im Dorf suchen“, ergänzt die Mutter. Sie gibt aber zu, dass das Gesamtpaket – mit Beruf, Familie und mit ihren Gästeführungen – schon strapaziös ist. „Es ist eine Aufgabe“, sagt sie. „Aber eine lohnenswerte“.

 

Text: Silvia Eidel, freie Journalistin

 


Mittendrin statt nur dabei

geschrieben am 25. Juni 2018

Copyright: Silvia Eidel

Das war echt! Die Schauspieler der Fränkischen Passion, allesamt Laien, nahmen die Premierenbesucher mit hinein in die Geschichte vom Leben und Sterben Jesu, ließen sie mitleiden und mitweinen. Heimliches Augenwischen bei den Zuschauern, bevor sie mit stürmischem Beifall nicht nur die professionelle spielerische Leistung, sondern das Gesamtpaket „Passionsspiele Sömmersdorf“ belohnten.

Eine Punktlandung war den Machern aus dem Verein gelungen: Das neue mächtige Dachgewölbe aus Stahl und Zeltmembran war soweit fertig. Auch wenn, wie Vereinsvorsitzender Robert König bei seiner Begrüßung scherzhaft meinte: „Es fehlen noch drei Schrauben“, was die Augen der Zuschauer nach oben gleiten ließ. Beeindruckend wölbte sich elf Meter über ihren Köpfen eine ästhetische Stahlkonstruktion, die mit etlicher Verzögerung erst seit Dezember gebaut wurde. Und die die Nerven aller Beteiligten extrem strapaziert hatte. Aber das gelungene Ergebnis versöhnte die Verantwortlichen.

Rund um das Gelände der Freilichtbühne und am Pausenplatz hatten noch am Vortag der Premiere 50 freiwillige Helfer gewerkelt, Kies verteilt, ein Beduinenzelt aufgestellt, Sackleinen gespannt, Sitzgelegenheiten mit Orientteppichen aufgebaut. Die Zuschauer sollten sich schon beim Betreten in das Heilige Land versetzen lassen, so die Absicht.

Dazu trugen auch stilechte Speisen und Getränke bei: etwa die Sinai-Pfanne aus Hackbällchen mit Datteln und Schafskäse oder die Hermon Schale, vegetarisch, mit Bulgur, Kichererbsen, Gemüse und speziellen Gewürzen. Die Werntal-Metzgerei Hemmerich hatte sich ganz auf das Passionsspiel eingelassen. Dazu mundete ein Magdala-Rotwein oder Nazarener-Weißwein.

Beeindrucken ließen sich die Zuschauer auch vom opulenten Bühnenbild einer 2000 Jahre alten Stadt Jerusalem. Dort begann und endete mit einem Prolog und Epilog in der Gegenwart auch diese „spannende Geschichte von Jesus“, die eine Lehrerin ihren Schulkindern vermittelte. Gerade über diese Einbindung der Passion in das Heute, mit vielen Kindern, freute sich auch Bayerns Landtagspräsidentin Barbara Stamm.

Sie war der höchstrangige Ehrengast der Premiere und sie hatte, wie sie beim Empfang nach der Vorstellung betonte, seit Jahrzehnten kein Passionsspiel in Sömmersdorf versäumt. Und die ständigen Veränderungen miterlebt. „Diesmal war ja ganz aktuell auch die Flüchtlingsproblematik thematisiert“, stellte sie mit Verweis auf die neue Szene der Frau aus Samaria fest.

Nicht nur das hatten die beiden Regisseure Marion Beyer und Hermann J. Vief verändert. Sie hatten auch die Träger der doppelt besetzten Hauptrollen vorangebracht, hatten sie in monatelangen, anstrengenden Proben in ihrer Ausdrucksstärke gesteigert. In der Premierenbesetzung überzeugten beispielsweise Jesus (Tobias Selzam), Maria (Susanne Mergenthal), Magdalena (Laura Beyer), Judas (Frank Greubel), Petrus (Marcel Martschoke), Johannes (Stefan Stark), Satan (Marius Mergenthal), aber auch der Hohepriester Kajaphas (Norbert Mergenthal) oder die drei Händler das Publikum restlos.

Genauso beeindruckend erlebte dieses die Massenszenen, etwa beim Einzug Jesu in Jerusalem, bei der Vertreibung der Händler aus dem Tempel oder beim Kreuzweg. Die Sömmersdorfer verkörperten dieses jüdische Volk leidenschaftlich. „Da ist mir ganz bewusst aufgefallen, wie nah ein ‚Hosianna‘ und ein ‚Kreuzige ihn‘ beieinander liegen“, meinte hinterher Barbara Stamm vieldeutig.

Action und Bewegung wechselten sich im Theaterstück ab mit ruhigen, nachdenklichen Szenen. Die live gespielte Musik der beiden Komponisten Martin Kleiner und Hans-Jürgen Beyer unterstrich das Geschehen, setzte Akzente und versetzte Schauspieler und Zuschauer mitten hinein in das Drama. Äußerst berührend untermalte zudem die Stimme der Sängerin Franziska Fasel aus dem benachbarten Oberwerrn die Stimmung.

Dank neuer Tontechnik, sichtbar über zwei riesige Bananen-Lautsprecher unterm Dach, kamen die Geräusche perfekt beim Zuschauer an. Für atmosphärische Bilder, etwa bei der Ölbergszene, aber auch beim Treffen des Hohen Rats, sorgte die neue LED-Leinwand in der Innenbühne.

Glücklich, dankbar und stolz, dass die erste von 18 Vorstellungen so gelungen war, zeigte sich beim anschließenden Empfang Vereinsvorsitzender Robert König. Alle prominenten Vertreter aus der Politik, Kirche und Verbänden waren sich einig, dass das Fränkische Passionsspiel Sömmersdorf nicht nur einmalig in Unterfranken ist, sondern „in einer Liga mit anderen Passionsorten spielt“, wie Landrat Florian Töpper sagte. Er würdigte ausdrücklich den Vereinsvorsitzenden König und dessen Mut, der belohnt werde.

Angesichts sich abzeichnender Mehrkosten für die Überdachung erklärte Bayerns Innenstaatssekretär Gerhard Eck: „Wir werden die Sömmersdorfer nicht im Stich lassen“. Gemeinsam mit Barbara Stamm, die auf ihren spontanen Wunsch hin als Mitglied in den Passionsspielverein aufgenommen wurde, lud er „eine größere Delegation“ nach München ein.

„Die einzigartige Entwicklung in Sömmersdorf“ thematisierte Euerbachs Bürgermeister Arthur Arnold. Er appellierte an die gemeinsame Verantwortung, die aus „dieser wunderbaren Passion, die unsere Herzen berührt“, entsteht. Angesichts so vieler Dank- und Lobreden blieb den Sömmersdorfern nur, glücklich zu feiern.

Text: Silvia Eidel, freie Journalistin

 


Arbeit bis zum letzten Tag

geschrieben am 14. Juni 2018

Copyright: Mark Kreuzinger

 

Die sechste und letzte Plane für das neue Zuschauerdach am Passionsspielgelände ist hochgezogen und ausgebreitet. Jetzt muss sie noch jeden Tag ein bisschen mehr gespannt werden. Bis zum letzten Tag vor der Premiere der Fränkischen Passionsspiele am 24. Juni werden die Arbeiter in luftiger Höhe zu tun haben. Auch andere Restarbeiten am Platz müssen bis dahin noch fertig werden.

Das Hochhieven der letzten tonnenschweren Zeltmembran mit der Hebebühne hat es in sich. Denn die neu gebaute Technikkabine am hinteren Platzende und die dortige Robert-Seemann-Halle, über die das Zuschauerdach ragt, erschweren eine ideale Position für das Gerät. Über einen Freiraum in der Stahlkonstruktion des gewölbten Daches wird die Plane nach oben gehoben, dort nach beiden Seiten aufgeklappt und heruntergezogen. Dann breiten die Arbeiter die Plane zur Seite über das ganze Feld aus, damit sie zunächst vorläufig und windfest gespannt werden kann.

Die Endspannung, „auf Systempunkt“, wie Hans-Peter Steitz, Vorarbeiter der ausführenden Firma Velabran erklärt, erfolgt Tag für Tag. Denn das Material dehnt sich noch durch die Witterungseinflüsse. Um zwischen den sechs Planen-Feldern auch die stählernen Quertraversen zu überspannen, damit die Zuschauer darunter bei Regen nicht nass werden, werden noch Abdichtungen, sogenannte „Closer Flaps“, von oben her aufgeschweißt. Dazu müssen die Männer auf die Zeltmembran klettern. Noch fehlen an den unteren Querstreben der Stahlkonstruktion zudem die Regenableitungen hin zu den Fundamentstützen. Auch die schiebbaren Seitenwände rechts und links des Zuschauerplatzes müssen noch angebracht werden. „Nächste Woche“, meint Velabran-Mitarbeiter Uwe Kueres.

Unterdessen sind etliche freiwillige Helfer aus Sömmersdorf dabei, weitere Sitzreihen aus dem Lager unter dem Bühnenhaus zu holen und zu montieren. Weil sich die Platzgröße durch den Dachbau veränderte auf etwa 45 mal 40 Meter, müssen die 1920 Sitzplätze neu ausgerichtet, tausende von Löcher für die Befestigung im Betonboden neu gebohrt werden. „Wir können aber noch nicht alle Sitzschalen aufstellen, weil die ja noch mit der Hebebühne arbeiten müssen“, deutet ein Helfer auf die Dachprofis.

Copyright: Silvia Eidel

Permanent klingt aus den Lautsprechern eine Test-Ansage über den Platz. „Achtung, Achtung“, schallt es durch das Gelände. Die Alarmierung und alle sicherheitstechnischen Anlagen, wie die Brandmeldeanlage, die Sicherheitsbeleuchtung und der Blitzschutz werden gerade vom Prüfsachverständigen Johannes Pfennig vom TÜV-Süd kontrolliert. Begleitet von Marco Walter von der Elektrofirma Schneider überprüft er die Ausführung der Einrichtungen. Dazu gehören auch die Messungen des Lautstärkepegels, der Sprachverständlichkeit und der Beleuchtung, die aber erst am Abend an der Reihe ist. „Das sind Standard-Anforderungen nach der Versammlungsstättenverordnung“, erklärt der TÜV-Fachmann.

Drei Männer von der Firma Gerd Schottroff bohren Pfostenlöcher in den Boden. Das Bühnengelände muss noch eingezäunt werden, etwa 65 Meter Zaun angebracht werden. Der Betonmischer brummt. Fotos von den letzten Arbeiten schießt Architekt Michael Theiss. „Nächste Woche ist Bauabnahme“, sagt er. Allerdings habe es schon einen Vorab-Termin gegeben. „Es hat alles gepasst“.

Beim Blick nach oben fällt ein Taubenpärchen auf, das sich im Stahlgerüst des Daches ein Nest gebaut hat. „Das muss noch entfernt werden“, meint er. Und auch für künftige Niederlassungswünsche dort muss man sich noch was einfallen lassen.

 

Text: Silvia Eidel, freie Journalistin

 

 


Eine Karawane und vier Höcker

geschrieben am 11. Juni 2018

Copyright: Silvia Eidel

Orientalische Kulissen und Klänge werden die Zuschauer der Fränkischen Passionsspiele Sömmersdorf ab 24. Juni zwei Monate lang in das Heilige Land versetzen. Unterstützt wird ein lebendiger Eindruck durch bunte Händlerszenen oder Esel, Schafe und Hühner. Erstmals werden in diesem Jahr auch zwei Kamele das Bühnenbild bereichern.

Genüsslich knabbern Sonja und Tamara an den Blättern eines Baumes, als sie hinter der Bühne auf ihren großen Auftritt warten. Eine Bremse ärgert aber die weißhaarige Kameldame Sonja, so dass sie rückwärts ausweicht und Ina Seufert das Halfter fest in der Hand halten muss. Ihr Mann Helmut zupft sein schwarzes Tuareg-Kostüm zurecht und tätschelt dabei der ruhigen, braunhaarigen Tamara den Hals.

Das Gochsheimer Ehepaar Seufert kümmert sich für die Sömmersdorfer Passionsspiele um die beiden tierischen Neuzugänge. „Mein Vater Alfred war vor fünf Jahren der Eselführer“, erzählt Sohn Helmut, weshalb er jetzt in die Fußstapfen seines mittlerweile verstorbenen Vaters trat. Der war zwar schon 1962 von Sömmersdorf nach Sennfeld gezogen. Aber er hatte seinen Helmut als Kind immer mit zu den Passionsspielen genommen, wo er selbst lange als Hoher Priester Kajaphas auf der Bühne stand.

„Das ist einfach eine Herzenssache für mich“, erklärt der Gochsheimer Landwirt seine Mithilfe. Zumal er als Pferdehalter und –züchter sich auch gut mit großen Tieren auskennt. Deshalb nahm er den Wunsch des Passionsspielvereins und der beiden Regisseure Hermann J. Vief und Marion Beyer auf, diesmal auch echte zweihöckrige Kamele im Spiel dabei zu haben.

Über seine Züchterkontakte landete Helmut Seufert in Schwürbitz bei Michelau im Landkreis Lichtenfels. Dort hält und züchtet ein ehemaliger Schausteller diese Kamele. Für drei Monate lieh sich Seufert im Vereinsauftrag zwei Exemplare dieser Schwielensohler aus und brachte sie auf eine Weide nach Sömmersdorf. Heu, Weizenschrot und Zuckerrübenschnitzel erhalten die beiden drei- und eineinhalbjährigen Kamele als Futter. „Zum Locken habe ich immer eine Karotte in der Tasche“, grinst Seufert und zieht ein Exemplar aus seinem Tuareg-Kostüm. „Das mögen sie besonders“.

Seine beiden Kinder Naomi und Elias spielen mit Begeisterung in ihren schwarzen Kostümen als Teil der Karawane mit, die den jüdischen König Herodes auf die Bühne begleitet. Unterstützung erhält das Gochsheimer Ehepaar auch durch seine Freundin Daniela Schäfer, die als gelernte Tierpflegerin sich mit um die zwei Kameldamen kümmert.

Auch wenn die weiße Sonja ihre Lippen spitzt und Ina Seufert warnt: „Vorsicht, vielleicht spuckt sie“, sind die Tiere gelassen. Für ihren großen Auftritt traben sie gemächlich über den sogenannten Eselspfad von der Seite auf die Freilichtbühne. „Man sagt ihnen ja nach, dass sie stur sind“, sagt Helmut Seufert. „Aber bis jetzt hatten wir noch kein Problem, es klappt ganz gut“, meint er und positioniert die Tiere. Ganz ruhig stehen sie da und betrachten gelassen die farbenprächtige Herodesszene mit den Tänzerinnen.

In die zweimonatige Spielzeit der Passionsspiele fällt auch die Getreideernte für den Landwirt Seufert. Aber er versichert, dass er trotzdem mit seinen Kamelen zu den Vorstellungen kommen wird. „Die Zeit, die nehme ich mir“.

 

Text: Silvia Eidel, freie Journalistin

 

 


Im Zeichen des Fisches

geschrieben am 10. Juni 2018

Copyright: Silvia Eidel

Jeder Fisch ist ein Unikat: Unterschiedlich bunt und kreativ bemalen derzeit die Kleinen des neuen Wald- und Naturkindergartens Schonungen 500 Holzfisch-Anhänger. Sie werden an Zuschauer der Fränkischen Passionsspiele Sömmersdorf verteilt, als greifbare Erinnerung an das Theaterstück vom Leben und Sterben Christi.

Mit Hingabe widmen sich die 14 Kinder auf einem zum Tisch umfunktionierten Baumstumpf der Bemalung der etwa acht Zentimeter großen Fische. Mit Holzstiften, Fingerfarben und ökologischen Textilmarkern hauchen sie dem hellen Material buntes Leben ein.

„Jeder Fisch ist anders, so vielfältig wie unsere Gesellschaft“, sinniert Ralf Fambach. Er ist gemeinsam mit seiner Frau Claudia Initiator und Mitgründer des Schonunger Naturkindergartens auf dem Galgenberg, der seit September 2017 in Betrieb ist. Es ist der zweite Naturkindergarten im Landkreis nach Gerolzhofen, die Arbeiterwohlfahrt ist Träger der besonderen Einrichtung. „Wir haben hier unglaublich aktive Eltern“, freut sich AWO-Kreisgeschäftsführer Jürgen Sander.

Zu den vielen Ideen zählen auch die Holzfische. Geboren wurde das ungewöhnliche Kooperationsprojekt von Ralf Fambach und seinem Arbeitskollegen bei ZF, Johannes Gessner. Der Ingenieur engagiert sich als zweiter Vorsitzender des Vereins Fränkische Passionsspiele Sömmersdorf und steht in dieser Spielsaison ab 24. Juni wieder 18 Mal als Verräter Judas auf der Freilichtbühne.

Copyright: Silvia Eidel

Um am Ende jeder Vorstellung etlichen Zuschauern nicht nur ein Nachdenken über das Gesehene mit auf den Weg zu geben, sondern auch etwas Greifbares, ein besonderes „Give-away“, sollen nun statt bemalten Steinen wie 2013 die Holzfische taugen. „Das Fischsymbol ist ja das christliche Erkennungszeichen“, meint Gessner. Im Passionsspiel trage Jesus solch einen Fisch-Anhänger, der zudem eingebunden ist in die Handlung des Stücks: Jesus übergibt ihn an die Jüngerin Maria Magdalena.

Ausgesägt wurden die 500 Fisch-Anhänger von der Werkstatt der Lebenshilfe Schweinfurt. Ihr erteilte der Passionsspielverein den Auftrag, nachdem Gessner zunächst im Internet recherchiert hatte. „Aber wir wollten, dass das Give-away aus der Region kommt“. Aufgedruckt auf den Fischbauch ist „Passion Sömmersdorf 2018“. „Das Material Holz passt natürlich wunderbar zu unserem Waldkindergarten“, ergänzt Ralf Fambach.

Geplant ist, dass die Zuschauer in Sömmersdorf solche Fische auch am Info-Stand kaufen können. „Falls es Nachfrage gibt, können wir gern noch weitere bemalen“, lacht Kindergartenleiterin Claudia Seuffert-Fambach. Sie freut sich mit ihren Kolleginnen Nicole Hofmann und Johanna Leimbach über die Einladung ihres Arbeitsgebers AWO zu einer Passionsspiel-Vorstellung. Und hofft, dort in Sömmersdorf die bemalten Fische „ihrer“ Waldkinder wieder zu entdecken.

 

Text: Silvia Eidel, freie Journalistin

 


Nur ein Hauch von Lampenfieber

geschrieben am 27. Mai 2018

Copyright: Silvia Eidel

Das Kreuz auf der LED-Wand hinter der Heimatkapelle leuchtete. Auch die Passionsspieler in ihren Kostümen auf der Freilichtbühne Sömmersdorf sorgten für aufmerksame Blicke der Besucher und Zuschauer des Open Air-Gottesdienstes, den das ZDF am Sonntag morgen live übertrug. „Mehr als ein Spiel“ war die Messfeier überschrieben, die Domvikar Paul Weismantel zelebrierte und die die Mitfeiernden berührte.

„Genießen Sie diesen Gottesdienst unter freiem Himmel“, hatte vorher Redakteur Benjamin Krysmann den etwa 800 Menschen am Platz mitgegeben. Der Verantwortliche der KFA, der Katholischen Fernseharbeit der Deutschen Bischofskonferenz, übernahm das „Warm up“, er stimmte die Besucher vor der prächtigen Theaterkulisse des alten Jerusalem auf die ZDF-Übertragung ein. Immer lächeln, kein Kaugummi, kein Winken in die Kamera, kräftig mitsingen und die Kollekte hinterher beim Ausgang abgeben, in bar, nicht mit Karte.

Seine lockere, dann wieder ernste Art kam an, die Besucher beherzigten die Anweisungen und sangen schon im Vorfeld zu den Klängen der Heimatkapelle Sömmersdorf kräftig mit.

In der Robert-Seemann-Halle hatten unterdessen die Ministranten und der Zelebrant, Domvikar Paul Weismantel, ihre Gottesdienstgewänder angezogen. Vor dem Eingang, noch am hinteren Ende des Zuschauerplatzes, begrüßte dann der 62jährige Priester die Fernsehzuschauer und stellte ihnen den fränkischen Passionsspielort vor. Mit dem Kreuz voran zog er zur Bühne, begleitet von der Steady-Kamera, die während des Laufens die Bilder übertrug.

Dass Bilder für eine Fernsehübertragung wichtig sind, dass sie aber nicht den Inhalt des Gottesdienstes überlagern sollen, dafür sorgte Regisseur Matthias Schwab. Im Übertragungswagen am Parkplatz verfolgte er auf etlichen Bildschirmen das Geschehen, gab Anweisungen, welche der fünf Kameras welches Bild sendet.

Von den Sömmersdorfer Passionsspielern war er begeistert. „Sie sind gewöhnt, mit Regisseuren zu arbeiten“, meinte er. Daher sei alles problemlos verlaufen, die Anweisungen seien sofort befolgt worden.

Auch von der tags zuvor gedrehten und aufgezeichneten Meditationsszene, die während der Kommunionausteilung eingeblendet wurde, zeigte er sich angetan. Knapp zwei Minuten lang war – nur für die Fernsehzuschauer – die Szene zwischen Petrus und der Magd am Feuer gedreht worden, bei der Petrus seinen Herrn dreimal verleugnet. „Das war sehr professionell, unterstrich Schwab. „Dass das Laien sind, ist kaum zu glauben“, lobte er die Schauspieler Marcel Martschoke und Lisa Schneider.

Copyright: Silvia Eidel

Weitere Passionsspieler sprachen das Kyrie, lasen die Lesung oder verbanden ihre Fürbitten mit ihrer Theaterrolle. Lampenfieber war dabei einigen anzumerken.

Wie sehr ein Spiel die Menschen beeinflusst, äußerte Domvikar Paul Weismantel in seiner frei gesprochenen Predigt. Das Passionsspiel konfrontiere den Menschen mit allen Fragen des Lebens: Leid, Verlust, Scheitern, Verrat. Jesu Leidensgeschichte fordere jeden heraus, den eigenen Platz in diesem Geschehen zu finden. Aber auch wenn man Zweifel habe, sei Verzweiflung nicht das letzte Wort. „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“, schloss der Priester mit Jesu Worten.

Zufrieden mit dem Ablauf zeigte sich Produktionsleiterin Silke Hart. „Es lief wunderbar“, meinte sie, auch wenn sie zwischendurch dem Priester ein Zeichen geben musste, sich mehr Zeit zu lassen. 44 Minuten und 30 Sekunden Gottesdienst waren ohne Zwischenfälle gesendet. Dann war Schluss, auch für den Zuschauer am Fernseher, auf den dann „Bares für Rares“ wartete.

 

Text: Silvia Eidel, freie Journalistin

 

 


Leidenschaft und starke Nerven

geschrieben am 16. Mai 2018

Copyright: Silvia Eidel

Vorne auf der Bühne schreit Jesus die Händler im Tempel an und wirft mit lautem Gepolter ihre Tische um. Hinten im Zuschauerraum flext ein Arbeiter die Profile für die Zeltmembran zurecht und oben im Hubsteiger über den Köpfen der Schauspieler schrauben Männer an der stählernen Dachkonstruktion. An vielen Baustellen wird am Freilichtspielgelände Sömmersdorf gleichzeitig gearbeitet, denn der Countdown läuft, bis ab 24. Juni nach fünf Jahren wieder die Fränkischen Passionsspiele gezeigt werden.

Jesus ist fertig, die Szene „abgefrühstückt“, wie es Profi-Regisseur Hermann J. Vief und seine Kollegin Marion Beyer ausdrücken. Statt Händler lassen sich jetzt bei orientalischer Musik die Mitglieder des Hohen Rates im Bühnenhaus nieder. Zuerst grübelt Egbert Pfeuffer als bärtiger Hoher Priester Kajaphas darüber, wie diesem Mann aus Nazareth mit seinen revolutionären Reden beizukommen ist. Dann ist Wechsel und Norbert Mergenthal brütet über eine List.
Etwa 20 Hauptrollen sind beim Theaterstück über das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu doppelt besetzt, eine Entlastung für die Amateur-Schauspieler an den 18 Vorstellungen dieser Spielsaison auf der Waldbühne des 680 Einwohner-Dorfes. Präsent sind dennoch alle Darsteller, jeweils als alternierende Figuren, in diesem Fall als Ratsmitglied Theophilos. Notfalls können sie so dem anderen über Texthänger hinweghelfen.

„Der Fokus liegt heute auf allen Gängen, auf den Wegen, dem Tempo und dem Timing“, hat Regisseur Vief den 320 Spielern am Morgen angesagt. Bei dieser technischen Probe auf der Freilichtbühne sollen erstmals alle 20 Szenen des Drei-Stunden-Stücks im Zusammenhang laufen. „Wir müssen die Spieler in kurzer Zeit wieder coachen, denn bei manchen sind die letzten Einzelproben schon vier Wochen her“, erklärt Regisseurin Beyer. Aber sie weiß aus der Erfahrung von 2013: „Das wird.“

Mit ihren Vorbereitungen liegt die Regie im Zeitplan und auch mit den Leistungen und der Probendisziplin der Sömmersdorfer ist sie zufrieden. Vief muss allerdings die Mikrofonträger noch daran erinnern, beim Verlassen der Bühne nicht ins private Gespräch zu verfallen. „Da heißt’s dann nicht, bei den Bayern steht’s Drei zu Null“, ermahnt er.

Copyright: Silvia Eidel

Beeinträchtigt wird diese Wochenendprobe allerdings durch die Bauarbeiten am Platz. Witterungsbedingt und wegen Planungs- und Fertigungsproblemen liegt der Aufbau des neuen Zuschauerdaches in Zeitverzug. Zwar wölbt sich mittlerweile die 170 Tonnen schwere Stahlkonstruktion über den 45 Meter breiten und 40 Meter langen abfallenden Platz.

Aber darauf muss noch aufwändig die Zeltmembran in sechs Teilen aufgezogen und gespannt werden. 1600 Quadratmeter Oberfläche werden mit dem reißfesten und begehbaren Polyestergewebe bedeckt, erläutert der Bauleiter der Firma Velabran, Hans-Peter Seitz. Er schneidet gerade die Profile für die Aufhängung zurecht. Das aufwändige Verfahren mit Verschweißen, Vorspannen, Verankern und Endspannen braucht Sorgfalt – und Zeit. Die wird mittlerweile knapp.

Denn in die Dachkonstruktion müssen für neue Licht- und Tontechnik noch 1,5 Kilometer Kabel eingezogen werden. Scheinwerfer für das Bühnengeschehen, 24 Leuchten für den Zuschauerraum und zwei riesige bananenförmige Lautsprecher müssen ebenfalls aufgehängt werden, notfalls auch nachts.

30 neue Mikrofone, 26 für die Schauspieler, vier für die Live-Musiker in neu gebauten Orchesterraum, sind bereits kalibriert. Die Vorbühne braucht auch noch Mikros, damit die Geräusche der Schauspieler zu hören sind. Die nötigen Ton- und Lichtmischpulte dazu sind in der neuen Technikkabine am hinteren Platzende bereits eingebaut.
Auch eine 28 Quadratmeter große LED-Videowand in der Innenbühne ist schon installiert. Sie soll einigen Szenen mehr Tiefe geben, dem Saal des Hohen Rates etwa oder dem Palast des Königs Herodes. Eine halbe Million Euro kostet die gesamte neue Technik.

Während sich auf der Bühne Jesus mit seinen Jüngern unter den dunklen Klängen einer Duduk-Flöte auf den Weg nach Jerusalem macht, misst Vereinsvorsitzender Robert König im Zuschauerraum aus, wo die Sitzschalen montiert werden. 1920 Plätze wird es wohl geben, rechnet er aus. Dafür wird er mit anderen Freiwilligen mehrere tausend Löcher für die Sitzhalterungen in den Betonboden bohren.

König muss erst am nächsten Tag, am Sonntag, seine Jeans gegen den Brustpanzer des römischen Statthalters Pontius Pilatus tauschen und diesen Jesus zum Tode verurteilen. Deshalb kann er jetzt mit dem zweiten Pilatus, Vereinskassier Dieter Mergenthal, die Abstände der Stuhlreihen festlegen.

Copyright: Silvia Eidel

Die beiden Männer zählen zum engeren Vereinsvorstand von fünf Personen. Diesem zur Seite steht ein zehnköpfiger Beirat, der das Führungsteam durch selbstständige Ausschüsse unterstützt: für Bühnenbau, Lichttechnik, Tontechnik, Kostüme, Maske, Marketing, Finanzen, Nachwuchsarbeit und Fortbildung, Robert-Seemann-Halle sowie Bau und Instandhaltung der Liegenschaften.

Alle Verantwortlichen erledigen ehrenamtlich mit freiwilligen Helfern die Vereinsarbeit, ihren Lebensunterhalt verdienen sie in anderen Berufen. Vorsitzender König ist in Rente, ein Glück für den Verein, denn seine Arbeit ist ein Full-Time-Job, der einen Geschäftsführer rechtfertigen würde.

Für die Passionsspiele, aber auch für die Freilichtkomödien wie „Don Camillo“ engagiert der Verein dann echte Profis, hauptberufliche Theaterregisseure wie Vief und Beyer. Und auch für die meisten der aktuellen Bauarbeiten zur Weiterentwicklung des Freilichtgeländes sind Fachfirmen nötig. Fast 2,8 Millionen Euro soll dies kosten. „Es wird aber wohl mehr werden“, schätzt König angesichts unerwarteter Probleme.

Mit kritischem Blick verfolgt Ruth Stark am Bühnenrand die jubelnden Massen beim Einzug Jesu in Jerusalem. „50 neue Volksgewänder haben wir genäht“, erzählt die Sömmersdorferin, „weil so viele diesmal mitspielen wollen. Und viele Kinderkleider, denn so viele Babys wie heuer hatten wir noch nie“. Mit sechs weiteren Frauen fertigte sie neue Uniformen für die Tempelwächter, änderte vorhandene Kostüme, legte das weiße Gewand der Ehebrecherin in Tee ein oder bastelte aus Joghurtbechern Kopfbedeckungen für neue Spieler des Hohen Rats. „Wir suchen halt die günstigste Lösung“.

Wie bei vielen Familien des Dorfes hilft auch ihr Mann Kurt wie selbstverständlich bei den Passionsspielen mit, als Bühnenbauer. Sohn Stefan steht als Apostel Johannes auf der Bühne, Tochter Lisa als Magd am Feuer. Ihr gegenüber wird Petrus seinen Herrn verleugnen.

Außerdem bietet die Familie in ihrem Garten den drei Eseln Quartier, die eigens für die Passionsspiele ausgeliehen wurden. „Die können ganz schön laut schreien“, lacht Ruth Stark, die sich aber über ihre tierischen Gäste freut. „Das ist eine schöne Zeit, wenn Lilli, Alfred und Elsa da sind“.

Es ist Mittag geworden. „Ein Leberkäsbrötchen wär‘ jetzt recht“, meint Judas-Darsteller Frank Greubel, der gerade seinen Wechsel-Spieler Johannes Gessner beobachtet. Der macht Jesus Vorhaltungen wegen der leeren Apostel-Kasse.

So profan wird die Verköstigung der gut 30.000 Besucher der Passionsspiele nicht werden. Denn die Sömmersdorfer zählen auf das Gesamtpaket Passionsspiele, mit erstklassigem Schauspiel, Atmosphäre und Versorgung der Besucher. Daher warten orientalisch angehauchte Gerichte, zählt Marketing-Beauftragter Norbert Mergenthal auf: Reispfanne mit Kichererbsen, Lammbällchen, Datteln im Speckmantel oder orientalische Pizza. Dazu extra etikettierter Nazarener-Weißwein und Magdala-Rotwein aus der Region und eigens aus Israel importierter Roter. Den Verkauf von Speisen und Getränken übernehmen hauptsächlich die Vereine.

Gut durchorganisiert erscheint das Mammut-Projekt Passion, auch wenn immer mal wieder improvisiert werden muss. Genauso akribisch wird vom ZDF der katholische Fernseh-Gottesdienst geplant, der am 27. Mai um 9.30 Uhr von der Freilichtbühne übertragen wird. „Wir freuen uns auf jeden, der kommt“, sagt Vereinsvorsitzender König. Der langjährige Wortgottesdienstleiter wird er im Pilatus-Kostüm die Lesung des Tages vortragen. Und damit verdeutlichen, dass für die Sömmersdorfer die Passion mehr als ein Spiel ist.

 

Text: Silvia Eidel, freie Journalistin

 

 


Verwandte Themen


Diese Seite


Gute Nachrichten


Eine Geschichte - Ein Dorf - Eine Leidenschaft

Eine Geschichte
Ein Dorf
Eine Leidenschaft

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies auf passionsspiele-soemmersdorf.de zu! | Datenschutzerklärung

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close