Freilichtaufführung mit Leidenschaft – oder: eine Passion mit Passion
Die Aufführung am vergangenen Sonntag war einfach großartig. Die Neuinszenierung überzeugt in vieler Hinsicht. Es wird nicht einfach die Passionsgeschichte in allen Details erzählt, sondern weitere bekannte Begebenheiten aus dem Leben von Jesus werden einbezogen und tiefgründige Monologe einzelner Figuren, insbesondere des Judas, regen zum Nachdenken an. Die Rahmenhandlung ist ein gemeinsames Essen von Mitwirkenden, die den großen Wert dieses gemeinsamen Dorftheaters über die Jahrzehnte hinweg loben. Los geht es mit der Kindersegnung, die den Zuschauer im fröhlichen Getümmel einer Volksszene mit Dutzenden von Müttern und Kindern mitreißt. Tobias Grabe ist ein durch und durch authentischer Jesus, der Demut und Fröhlichkeit ausstrahlt, aber auch tüchtig aus der Haut fahren kann, wie zum Beispiel bei der Tempelreinigung.
Aber auch die anderen Figuren spielen ihre Rollen mit Hingabe und Leidenschaft, allen voran Susanne Mergenthal als Mutter Maria, Franziska Fasel als Jüngerin Maria Magdalena, Marius Mergenthal als Jünger Johannes oder Patrick Spyra als Verräter Judas. Es ist total beeindruckend wie viele gute Schauspieler und Schauspielerinnen in dem kleinen Dorf Sömmersdorf leben und wie sie und alle anderen Mitwirkenden bereit sind, viele Stunden Freizeit für die Passionsspiele einzusetzen. Entscheidend für das Gelingen ist aber auch der Einsatz der „Profis“, die beiden Regisseure Silvia Kirchhof und Kai Christian Moritz, der Lichttechniker, die Musiker der Begleitband. Gerade sie prägen die Neuinszenierung entscheidend, die mit moderner Videotechnik und orientalisch- mittelalterlicher Begleitmusik das Geschehen in Szene setzt. Die Sömmersdorfer Passionsspiele bringen dem Zuschauer die Geschichte von Jesus auf neue Weise nahe. Als Zugeständnis an den Zeitgeschmack darf auch etwas Erotik in einer ausgedehnten Herodesszene nicht fehlen. Neu sind auch Gesangseinlagen wie in einem Musical, zum Beispiel von Maria Magdalena sehr schön gesungen. „Jesus Christ Superstar“ lässt grüßen, da ihr auch in dieser Inszenierung starke Liebesgefühle für Jesus bescheinigt werden.
Es bleibt der Sömmersdorfer Dorfgemeinschaft zu wünschen, dass auch die zweite Halbzeit der diesjährigen Spiele erfolgreich verläuft und das gemeinsame Erleben noch lange positiv nachwirkt. Denkbar wäre das nächste Mal vielleicht eine andere Rahmenhandlung wie zum Beispiel die Situation eines verfolgten Christen in China oder dem Iran, der daraus Kraft schöpft, dass Jesus für ihn ans Kreuz gegangen ist. Oder Gedanken des Räuberjungen Tom aus „Nicht wie bei Räubers“ von Ursula Marc.
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