Von Schuld, Nähe und Weite

„Meine Schuld! Es ist meine Schuld!“ Ein verzweifelter Judas irrt durch den Probenraum, flüstert verloren immer wieder: „Ich bin schuld“. Wie wahnsinnig wirkt er, wankt, wirft sich zu Boden, erkennt die Tragweite seines Verrats an Jesus. Der zum Tod seines Freundes führt, den er Meister nennt und von dem er sich so viel erhofft hat. Eine emotionale Situation, die die beiden Judas-Darsteller bei der Probe des Sömmersdorfer Passionsspiels kurz vor Ostern besonders fordert.

Copyright: Silvia Eidel

Ein hartes Scheinwerferlicht erhellt diese dritte Szene des 16. Aktes im Theaterstück vom Leben, Leiden und Sterben Jesu, das in diesem Sommer wieder auf der Freilichtbühne gezeigt wird. In der Robert-Seemann-Halle stehen am Freitagabend vor Palmsonntag Szenenproben von Judas und Jesus an. Im Spiel ist es schon Karfreitag, der Todestag Jesu. Nach der Beobachtung des Kreuzwegs verzweifelt Judas an seiner Tat, dessen letzte Konsequenz er jetzt realisiert.

„Sie spielen emotional stärker“, nickt Regisseurin Marion Beyer anerkennend über die Judas-Darsteller Johannes Gessner und Frank Greubel, die nacheinander in ihren Gewändern die gleiche Szene proben. Beide Laienschauspieler haben erneut ihre Rolle von vor fünf Jahren erhalten. Aber sie zeigen jetzt mehr Facetten dieses Jüngers Jesu, mehr und andere Motive für den Verrat als nur die Geldgier nach den 30 Silberlingen. „Die Rolle ist anders angelegt als früher“, bestätigt Gessner.

„Es ist noch das alte Textbuch, aber durch die Art des Spiels entsteht die Veränderung“, erklärt Beyer. Mit ihrem Regie-Kollegen Hermann J. Vief hilft sie den Spielern, ihre Rolle zu finden. Das funktioniert zum einen über intensive Gespräche und Erläuterungen der Gefühlssituation dieses Judas. Eines Mannes, der immer mehr enttäuscht ist von Jesus, in den er so große Hoffnungen setzte. Der das gemeinsame Streben nach Gerechtigkeit anders interpretiert, politischer. Der ein hartes Durchgreifen gegenüber den römischen Besatzern erwartet. Und nicht versteht, warum sich Jesus jetzt mit Bettlern oder der Außenseiterin aus Samaria abgibt, also humanistische Ziele verfolgt und mit Verstehen und Glauben die Welt verändern will.

„Judas gehörte tatsächlich zu den Zeloten, den Befreiungskämpfern“, gibt Darsteller Frank Greubel die wissenschaftliche Forschung wider und unterstreicht damit die Erwartungshaltung dieses Apostels an Jesus. „Mit seinem Verrat will Judas ihn aus der Reserve locken“, ergänzt Vief. „Jetzt soll Jesus zeigen, was er kann“. Dazu hat die Regie dem bisherigen Text – eine volkstümliche Kombination der verschiedenen Evangelien – einen Satz hinzugefügt. „Jesus, zeig deine Macht“, ruft Judas in seiner Verzweiflung und erwartet, dass sich sein Freund und Meister aus den Händen der römischen Soldaten befreit – vergeblich.

Auch die beiden Jesus-Darsteller Stefan Huppmann und Tobias Selzam beobachten die Probe der Verzweiflungsszene des Judas. Wie er verloren durch den Raum irrt, sich abseits des Scheinwerferkegels kraftlos an die Wand lehnt und auf den Boden rutscht.

„Von der Anlage des Stückes her haben sich Judas und Jesus mit am nähesten von allen gestanden“, meint Huppmann. Die Freundschaft mit Jesus bedeutet Judas alles. Weshalb er auch immer mehr Eifersucht gegenüber einer Maria Magdalena entwickelt, die als Weggefährtin in einer ebenso intensiven Beziehung zu Jesus steht. Er hat Angst, dass sie ihm den Freund wegnimmt. Er fühlt sich vernachlässigt.

„Das ist ja menschlich, dass Judas eifersüchtig ist“, meint der Jesus-Spieler. Und dass er kritisch hinterfragt, wie die gemeinsamen Ziele verwirklicht werden. Und dass er ungeduldig ist. Das sei in jeder Beziehung normal. „In jedem von uns steckt doch ein kleiner Judas“, fasst er zusammen.

Die intensive Probenarbeit versetzt die Männer in ihre Rolle eines stets verzeihenden Jesus, der auch dem Verräter die Chance gibt zurückzukommen. „Er schlägt die Tür nicht zu“, meint Tobias Selzam, „für ihn ist Judas nicht verloren.“

Dieses Gefühl von Nähe und Weite vermittelt Regisseur Vief durch Körperarbeit. Er lässt die beiden Jesus-Judas-Paare nebeneinander durch die Halle laufen, sich freundschaftlich unterhalten, dann streiten. Körperkontakt ist gefragt. Beim Gespräch legt „Jesus“ Tobias Selzam unwillkürlich seinen Arm um Judas‘ Schulter, beim Streit stoßen sich beide weg.

„Judas war eigentlich ein einsamer Mensch“, sinniert Frank Greubel hinterher. „Wenn Jesus ihn berührt, seine Hand auf die Schulter legt, ist er nicht verloren. Er spürt sich nur, wenn Jesus sich um ihn kümmert“, meint er.

Eine solche körperbetonte Streit-Szene gibt es im Passionsspiel natürlich nicht. Sie dient aber dazu, die Grundstimmung zwischen beiden Rollenträgern herzustellen. Diese braucht es, um die Verratsszene am Ölberg glaubhaft zu proben. Dabei kommt Judas mit der Tempelwache auf Jesus zu. „Meister, sei gegrüßt“, sagt er mit belegter Stimme und küsst ihn auf die Wange. „Mit einem Kuss verrätst du mich“, entgegnet ihm der Freund. Worauf Judas betreten zu Boden blickt und wegtritt. „Er ist wieder zu feige, wie beim Abendmahl“, meint Regisseur Vief erklärend zu dieser Szene.

Es sind diese nachvollziehbaren Gefühle, die die Schauspieler professionell vermitteln und den Zuschauer ansprechen wollen. Damit er selbst zum Nachdenken bewegt wird.

 

Text und Foto: Silvia Eidel, freie Journalistin

 

 

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